Ein Wochenende mit dem Peugeot e-208

oder: the good, the bad, and the ugly…

Am letzten Wochenende war es endlich soweit: recht kurzfristig, mit einem halben Tag Vorlauf, konnten wir uns den e-208 beim Händler abholen und bis heute morgen ausführlich testen. Uns erwartete ein wunderschöner e-208, Allure/GT-Line Ausstattung mit einigen zusätzlichen Extras. Leider fehlten aber doch einige Ausstattungen, insbesondere das ACC haben wir vermisst.

Aber die Farbe, der Hammer. Elixir-Rot, ein Traum.

Übernommen haben wir den Wagen mit 67 Kilometern, er war also brandneu. Gefahren sind wir insgesamt 267km, aber dazu später mehr. Im folgenden werde ich oft den e-Golf zum Vergleich heranziehen – nicht weil ich ein ausgewiesener VW Fanboy bin (auch wenn einige das so sehen), sondern weil wir mit dem Wagen die meiste Erfahrung haben (mittlerweile fast 2 1/2 Jahre und knappe 53.000km), und auch weil der e-Golf von den Specs her sehr dicht am e-208 ist: beide haben 100kW/136PS Motorleistung, beide basieren auf einer universellen Plattform bei der die Elektrovariante zwar von Anfang an eingeplant war, aber trotzdem Kompromisse gemacht werden mussten.

 

the good

Fangen wir erstmal mit den guten Sachen an. Erwähnte ich schon die Farbe? Ein Traum. Es war quasi sofort klar: wenn es der Wagen wird, dann wechseln wir von Weiss nach Schwarz. In Natura macht der Wagen aber in jeder Farbe eine gute Figur, die Linien passen, Proportionen, eine gewisse Sportlichkeit. Das Lichtdesign der Front-/Heckscheinwerfer passt, alles sieht gut aus. Auch der Innenraum ist sehr frisch und futuristisch im besten Sinne – gefällt mir besser als das was man vom ID.3 bisher gesehen hat.

Materialien, Verarbeitung, Haptik, Look and Feel im Innenraum, das hat uns alles sehr zugesagt. Auch der Antritt des Motors (im Sportmodus) macht Spaß, auch ohne ausgewiesenes Soundsystem ist der Klang von Radio und genereller Medienwiedergabe gut. Der Vorführwagen hatte noch nicht den für den deutschen Markt geplanten dreiphasigen 11kW Lader, sondern den für andere Märkte gedachten einphasigen 7,2kW Lader. Daher können wir zum AC Laden nichts großartig sagen, vor der Abgabe des Wagens hat der Wagen fast 12 Stunden an unserer 11kW Wallbox gebraucht, da nimmt sich der Wagen halt nur 3,6kW. Mit dem dreiphasigem Lader wäre er in etwas über 4 Stunden wieder komplett voll gewesen.

An das kleine Lenkrad und die Position des voll digitalen Kombiinstrumentes gewöhnt man sich schnell, das Lenkrad liegt auch super in der Hand. Das Bedienkonzept des Fahrzeugs unterscheidet sich durchaus von VW oder anderen Herstellern, aber das ist sicher nur eine Gewöhnungsfrage. Die Restkilometeranzeige beispielsweise springt erst in 10km Schritten, und unter 50km Restreichweite dann in 2km Schritten. Eine Prozentanzeige für den Akkustand haben wir im normalen Fahrbetrieb nicht gefunden.

Der Kofferraum ist naturgemäß sehr klein, aber für das Gepäck von 2 Reisenden oder den Wocheneinkauf langt es alle mal. Es ist halt ein Kleinwagen und kein Transporter.

Das Navi reagiert ausgesprochen schnell bei der Zielsuche und auch bei der Routenberechnung. Der 10″ Touchscreen hat eine gute Darstellungsqualität, sieht optisch gut aus (obwohl ich freistehende Displays an sich nicht mag, aber hier sieht es nicht wie ein drangetackertes Tablet aus sondern wirkt gut integriert), und vor allem scheint es eher unempfindlich für Fingerabdrücke zu sein. Andere Touchscreens sind da wahre Fingerabdruckmagneten bei denen man immer das Microfasertuch parat haben sollte.

Kurz erwähnen sollte man noch den Platz auf der Rückbank. Auch wenn wir beim ersten Kontakt mit dem e-208 beim „betreuten Fahren“ zu viert im Auto unterwegs waren: das will man im Grunde nicht. Wenn ich es mir auf den Beifahrersitz bequem mache dann findet hinter mir genau nichts mehr statt. Ich sortiere das trotzdem hier bei „gut“ ein, da wir damit gerechnet haben.

Das Licht, sowohl Abblend- als auch Fernlicht, hat uns sehr gut gefallen. Meilenweit vor dem (alten) Ioniq, besser als unser Leaf (mit Halogenlicht). Absolut empfehlenswert!

Teils positiv ist auch die Rückfahrkamera. Man sieht den Einschlag des Lenkrads, was beim e-Golf weggespart wurde. Das Bild ist, gerade bei schlechten Lichtverhältnissen ziemlich gut, da hat man beim e-Golf weit mehr Rauschen und beim Ioniq oder Leaf erkennt man fast nichts mehr. Auch die Vogelperspektive ist nett gemacht, wenn auch nicht so gut wie beim Leaf. Leider, und damit kommen wir dann schon in Richtung der schlechten Seiten des Fahrzeugs, liegt die Kamera offen und verdreckt bei Regen nach den ersten Metern komplett.

 

the bad

Zunächst einmal fallen die, im Vergleich zum e-Golf, sehr lauten Geräusche im Innenraum auf. Sowohl Wind- und Abrollgeräusche dringen deutlich in den Innenraum, und der Elektromotor macht sich auch deutlich bemerkbar, ähnlich wie im Nissan Leaf. Man merkt direkt das der e-Golf hier die Messlatte sehr hoch legt, der Innenraum ist hier deutlich leiser.

Bei der Bedienung gibt es viele Details die etwas nerven. Beispielsweise schaltet sich der Spurhalteassistent gerne mal von alleine ein. Laut Anleitung ist er bei jedem Start aktiv, aber ab und an war er aus. Uns wäre es am liebsten gewesen wenn er im letzten Status geblieben wäre. Der automatische Intervall-Modus für den Regensensor kann nicht angepasst werden, der e-Golf bietet hier noch eine Einstellung für die Empfindlichkeit. Die Fußgängertröte ist, wie bei nahezu allen anderen Fahrzeugen auch, beim Start immer aktiv. Im Gegensatz zu vielen anderen Autos kann man sie aber nicht mehr abschalten.

Das Navi, was ja auch seine guten Seiten hat, schwächelt etwas im Detail. Zwar werden durchaus Ladesäulen angezeigt, wenn auch nicht alle, aber wir haben es nicht geschafft diese per Touchscreen als Zwischenziel zu übernehmen, oder Infos zu den Ladepunkten zu bekommen. Auch die Darstellung der Straßen kann verbessert werden, es gibt keine farbliche Unterscheidung von Landstraßen, Bundesstraßen, nicht mal Autobahnen sind direkt erkennbar. Auch der Zoombereich ist recht gering, und der automatische Zoom zeigt selten sinnvolle Bereiche. Auch der Navipfeil, der die Position des Autos darstellt, ist so groß das man glaubt schon über die Kreuzung drüber gefahren zu sein.

Richtig bedenklich ist allerdings das Thema Sitzposition für mich gewesen. Selbst mit dem Sitz ganz hinten schaffe ich es nicht meine Beine bequem unterzubringen. Wie Dirk Henningsen mit seinen 2,06m Körperlänge das geschafft hat ist mir ein Rätsel. Und dann ist das Problem der Sicht zur Seite. Hier sitze ich im Auto und lächle freundlich in die Kamera:

Auf dem Beifahrersitz noch zu verschmerzen, auf dem Fahrersitz durchaus ein Sicherheitsthema für mich.

Dann gibt es noch den Fernlichtassistenten, der abhängig vom vorausfahrenden oder entgegenkommenden Verkehr das Fernlicht ein- und ausschaltet. Der ist extrem nervös, schaltet sobald es irgend geht direkt auf Fernlicht, um dann sofort wieder abzublenden weil doch noch ein Auto kommt. Wir haben etliche male Lichthupe bekommen weil sich andere Fahrzeuge gestört fühlten. Und auch als Fahrer ist das sehr irritierend und nervend, so das wir dazu übergegangen sind das Licht wieder manuell umzuschalten. Das macht der Leaf deutlich besser, und der e-Golf mit dem Dynamic Light Assist spielt da eh in einer anderen Liga.

Eine Kleinigkeit beim Multimediasystem noch: auch wenn Carplay gut funktioniert: es gibt zwar 4 USB Ports im Auto, einer davon auch aktuelles USB-C, aber nur einer ist für Datenverbindungen nutzbar. Die USB-Anschlüsse für die Rückbank und der USB-C Port sind reine Ladeports. Da es auch keinen Einschub für SD-Karten gibt hat man die Wahl: entweder Apple Carplay/Android Auto oder den Stick mit der eigenen Musik am Radio. Das Radio kann übrigens nichts mit Datenträgern anfangen die mit ExFAT formatiert sind, aber das ist eher ein Schönheitsfehler.

Unschön finden wir auch das es Ausstattungsmerkmale gibt, die in der Bedienungsanleitung beschrieben werden, aber entweder gar nicht oder nur für die Elektrovariante vom 208 nicht zu bekommen sind. Dabei rede ich jetzt nicht von dem Klassiker Anhängerkupplung, sondern von einer beheizbaren Frontscheibe (die es in der Anleitung gibt, aber nicht in irgendeiner Preisliste), oder der Einparkautomatik (die es offenbar nur in Kombination mit einem Verbrenner-Automatikgetriebe gibt). Die Klimaanlage ist, auch wenn das Display es anders suggeriet, leider auch nur ein Einzonen-System.

Bis hierhin hätten wir vielleicht noch alles akzeptiert, wären alle Kompromisse eingeangen – denn der Wagen ist echt schick. Aber dann kam die wirklich dunkle Seite…

 

and the ugly…

Auf der ersten Fahrt haben wir noch gedacht, dass der hohe Verbrauch dem Spieltrieb geschuldet ist, man probiert ja schon mal wie der Wagen so durchzieht. Allerdings hat sich in den weiteren Fahrten rausgestellt das wir – bei identischer Fahrweise zu unseren anderen Elektroautos, die wir durchaus sparsam bewegen – 20-30% mehr Strom verbrauchen als mit dem e-Golf. Ich werde dazu bei Bedarf vielleicht mal einen zweiten, detaillierten Blogpost machen in dem ich unsere Erfahrungen aufdrösele.

Der unerwartete hohe Verbrauch führte dazu, das wir unsere Sonntagstour nicht wie geplant durchführen konnten, sondern nach einem Notladestop abbrechen mussten.

Zum Glück hatten wir das Ladekabel vom e-Golf dabei, der Vorführwagen selbst hatte nur das Schuko-Kabel dabei. Dummerweise ergab das Ladekabel in Kombination mit dem einphasigem Lader des Wagens eine Ladeleistung von 3,6kW, da bekommt man schon lange Zähne.

Die rote LED in der Ladeklappe ist übrigens das Signal für „alles gut“, und nicht ein Hinweis auf einen Fehler oder ein Problem. Wieso man Ladeklappen nicht immer beleuchtet ist dann auch noch so ein Thema für sich…

Wir haben den Wagen mit vollem Akku abgeholt, sind ausschließlich Landstraße bzw. Bundesstraße gefahren, davon 60km in absoluter Schleichfahrt, haben etwa 45 Minuten nachgeladen und hatten dann 18km Restreichweite.

Eine Schildkröte gab es übrigens nicht zu sehen. Aber zusammengefasst sind wir mit 46kWh (voller Akku) plus 2,7kWh (ausserplanmässiges Nachladen) 224km gefahren, und hatten 18km Rest. Also 48,7kWh Energie für 242km, das ergibt einen Durchschnittsverbrauch von 20kWh auf 100km. Und das ist viel, viel zu hoch, auch weil es nur Landstraße war, und 60km davon auch noch im „Reichweitenangst-Modus“ geschlichen.

Im Autobahnbetrieb ist man, nach der von Andreas Hähnel aufgezeichneten Ladekurve, bei 100 oder maximal 150km langen Intervallen zwischen Ladepausen, wenn man wirklich schnell voran kommen will, auch das erkläre ich eventuell noch mal in einem detaillierten Blogpost zu dem Thema. Auch das ist nicht das was wir erwartet haben.

Unsere anderen Autos fahren wir durchaus in der Größenordnung des WLTP Verbrauches, beim Peugeot haben wir es nicht geschafft. Somit liegen wir 100km unter der angegebenen Reichweite, und 60km unter unseren Erwartungen. Und auf der Autobahn würde es vermutlich eher noch schlimmer, so das man immer dicht an einen e-Golf kommt, der aber eine Fahrzeugklasse höher angesiedelt ist, und aktuell je nach Ausstattung gute 4-6.000 EUR günstiger ist als der Peugeot.

 

Unser Fazit

Das war dann leider zu viel des Guten, und wir haben uns sehr schweren Herzens entschieden den Wagen zu stornieren.

Wer mit dem hohen Verbrauch und dem Platz im Innenraum klar kommt: schlagt zu, der Wagen ist schick und spritzig (im Sportmodus), und macht echt Spaß. Für uns hat er in der Summe aller Punkte dann am Ende halt nicht gepasst.

3 Gedanken zu „Ein Wochenende mit dem Peugeot e-208

  1. Volker Antworten

    Hallo Daniel,

    wir kennen uns vom letzten eGolf-Treffen in Hann. Münden, ich bin aber eher zufällig beim Googeln auf deinen Blog-Eintrag gestoßen, weil ich von gestern auf heute ebenfalls eine Probefahrt mit dem e208 hatte. Daher wollte ich ein paar deiner Erfahrungen mit meinen eigenen ergänzen. 🙂

    – Sitzposition: Volle Zustimmung, was die Beinfreiheit angeht (dabei bin ich nur 1,80m groß). Aber auch die Sicht auf das iCockpit: In einem solchen Auto will ich tief sitzen und nicht kurz unter dem Dach, damit ich alle Informationen ablesen kann.

    – Ladesäulen im Navi: Es gibt eine eigene 2D-Ansicht mit Ladesäulen, aus der man dann per Antippen die Ladesäulen auswählen kann. In der (für mich eigentlich normalen) 3D-Ansicht, geht das leider nicht.

    – Medienwiedergabe / Datenverbindung: Ich konnte mein (Android)-Handy auch per Bluetooth für Datenverbindungen nutzen, Android-Auto habe ich gar nicht getestet, weil ich gar kein Kabel dabei hatte.

    – Verbrauch: Deckt sich exakt mit meiner Beobachtung und auch den einschlägigen Reichweitentests bei kalter Witterung. Und das ist sehr schade, denn das macht den Vorsprung vor dem eGolf durch den größeren Akku zum Großteil wieder zunichte. Evtl. wurde ja bei den Vorführern nicht nur der 3-phasige AC-Lader weggelassen, sondern auch die genauso serienmäßige Wärmepumpe… 😉

    Viele Grüße,
    Volker

    • Daniel Autor des BeitragsAntworten

      Danke für die Ergänzungen. Gerade zum Verbrauch fange ich mir im GoingElectric Forum von den Fanboys regelmäßig dumme Sprüche ein, alles halb so wild, und das Wetter, und ich fahre falsch, und vermutlich sind die Wärmepumpen in den Vorführwagen nicht aktiv, echt zum schreien was da alles an Ausreden herangezogen wird.

      Ich bleibe dabei: der Verbrauch ist viel viel zu hoch für einen Kleinwagen, da gibt es nichts zu beschönigen, aber wer das akzeptiert bekommt nen netten Flitzer.

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