First Contact mit der First Edition vom ID.3

…oder: aussen hui, innen pfui?

TL;DR: Der Wagen hat so seine Problemzonen, aber wird gerade „Neueinsteiger“ durchaus ansprechen, und ich hoffe stark das er ein Erfolg wird. Für mich ist er allerdings wohl – Stand heute – nicht das passende Auto.

Ja, hier war es lange ruhig, aber es gab auch nicht viel zu berichten. Ein kurzes „State of the Union“ Posting mach ich die Tage mal, heute soll es um die Probefahrt mit dem ID.3 gehen, den wir am Wochenende testen konnten. Es handelt sich um den „Klassiker“ unter den Vorführwagen, einen ID.3 in der First Edition, mit der maximalen Ausstattung. Das diese Fahrzeuge, die meines Wissens ja nur für die Vorbesteller gedacht waren, jetzt als Vorführer verteilt werden spricht Bände finde ich, genau so wie die Tatsache das es jetzt, lange nach Start der „Fastlane“ Modelle immer noch Fahrzeuge der First Edition zu bekommen sind. Da ist wohl der Vorverkauf nicht so gelaufen wie gehofft, bzw. es sind doch zu viele Vorbesteller (wie ich ja auch) abgesprungen.

Ich fange mal mit den positiven Punkten an: Die (Elektro)Hardware ist top. Der Heckantrieb macht sich positiv bemerkbar, der Wagen bekommt seine 204 PS deutlich besser auf die Fahrbahn als der e-Golf als Frontkratzer. Lade- und Fahrleistungen sind gut. Die Verarbeitung ist klasse, da wackelt und rappelt nix, Spaltmaße habe ich aber nicht nachgemessen. Der Platz im Innenraum ist riesig, insbesondere in der zweiten Reihe. Wenn ich mir die Vordersitze passend für mich einstelle ist hinter mir noch Platz für einen Menschen der größer ist als ich. Die Form des Fahrzeugs ist durchaus gelungen, und verbirgt die Abmessungen des Fahrzeugs geschickt. Man sollte allerdings eine der helleren Lackierungen wählen, aber das ist natürlich Geschmackssache. Wir würden uns wohl das helle Silber wählen, da es keine „richtigen“ Farben gibt. Auch ein kleines Highlight: die Rückfahrkamera ist schneller betriebsbereit, und es gibt jetzt endlich wieder mitlenkende Linien, juchu. Das Bild ist auch insbesondere Nachts super, genau wie das Ambiente-Licht welches im Dunkeln richtig gut zur Geltung kommt.

Generell haben die Assistenzsysteme zugelegt: das Matrix-LED Licht ist nochmal eine Spur besser als das LED Licht mit Dynamic Light Assist im e-Golf, der Travel Assist ist sehr schick, und auch die kapazitive Handerkennung am Lenkrad ist ein echter Fortschritt.

Mittelprächtig ist der Verbrauch. Noch im Rahmen, aber grob geschätzt etwas höher als dem Golf, knapp unterm Leaf. Vermutlich wird da durch die Kombination Bauform (deutlich höher als der e-Golf), mehr Leistung (204 statt 136 PS) und das höhere Gewicht (etwa 200kg mehr als der e-Golf) verursacht. Auch die Geräusche im Innenraum sind etwas lauter als beim e-Golf, und damit meine ich nicht die Wind- oder Abrollgeräusche, sondern Geräusche vom Motor oder sonstigen Nebenaggregaten. Die Fußgängerhupe (also der dusselige Warn-Sound bei langsamen Geschwindigkeiten) ist jetzt immer verbaut und offenbar auch nicht abschaltbar. Die Ergo-Aktiv Sitze sind zwar toll einstellbar, und insbesondere die verlängerbare Sitzfläche gefällt, aber die elektrische Verstellung ohne Memory-Funktion ist eher nervig. Manuelle Sitze hab ich mit einem Handgriff sehr schnell in der Längsposition verschoben beim Fahrerwechsel, bei den elektrischen Sitzen dauert das ewig. Letzter Punkt in der Rubrik „mittelprächtig“ ist das Bremspedal. Das fühlt sich sehr weich und schwammig an, und gibt wenig Feedback.

Von den richtig schlechten Punkten gibt es leider einige. Manche mögen mich jetzt für kleinlich halten, aber am meisten hat mich die Haptik der direkten Bedienelemente sowie das Bedienkonzept an sich genervt. Es gibt keine wirklichen Tasten mehr, alles nur noch Touchfelder und Spracherkennung. Bei der Menüstruktur des Infotainmentsystems fühlt man sich als Golf-Fahrer durchaus heimisch, was aber eher ein Nachteil ist: dort ist die Struktur genau so zerklüftet wie früher.

Die Tasten am Multifunktionslenkrad sind grausam. Das Lenkrad gefällt uns sehr – es ist dicker als im e-Golf, gut anzufassen, endlich gibt es auch eine Lenkradheizung. Aber die Tastenfelder sind eine Frechheit. Statt echter Tasten (wie es sie im Golf 8 übrigens noch gibt!) wurden hier Touchfelder verbaut, wie man oben sehen kann. Beim Drücken einer „Taste“ gibt es auch eine Art Feedback, ähnlich wie es Apple beim iPhone 7/8 gemacht hat: dort ist der Homebutton keine Taste mehr, aber das Feedback von Apples Taptic Engine ist super, man hat den Eindruck wirklich eine Taste zu drücken. Auch klappt dort, im Gegensatz zum ID.3, die Erkennung eines Tastendrucks sehr zuverlässig. Beim ID.3 weiss man nie hat man jetzt gedrückt? Oder muss ich drüber sliden? Und beim langen Druck auf eine Taste geht z.B. die Änderung der gewünschten Geschwindigkeit mal in Einerschritten, mal in Zehnern, mal nur um einen Step weiter, aber manchmal auch im Schnelldurchlauf. Verlässlich und ohne hinzuschauen die Geschwindigkeit zu verstellen ist mindestens sehr schwierig. Auch die Lautstärke vom Infotainmentsystem ist schwer zu dosieren. Dazu kommt, was zugegeben auch sehr subjektiv ist: das Tastenfeld ist sehr unangenehm anzufassen. Auch hier ist der e-Golf meilenweit voraus.

Damit kommen wir auch gleich zum nächsten Thema: viel zu viel schwarzes Hochglanzplastik überall. In der Mittelkonsole, in den Türgriffen. Gleiches Materialproblem wie beim Tastenfeld, und vermutlich wird das sehr sehr schlecht altern und schnell verkratzen. Dazu sind die Flächen noch totale Fingerabdruckmagnete, schon nach einer kurzen Fahrt, nach einigen Handgriffen sieht das einfach nur sehr siffig aus. Dazu sind jetzt auch die Gurte nicht mehr höhenverstellbar, das Handschuhfach ist jetzt auch kleiner, und auch nur noch reines Plastik. Alles in allem hat sich Volkswagen beim Innenraum deutlich in Richtung Hyundai und Co bewegt, und das ist – auch wenn es noch ok ist – die falsche Richtung wenn die Preise für das Fahrzeug nach oben gehen.

Ebenfalls ein Rückschritt: Das Kombi-Instrument samt dem Gangwahlschalter im BMW i3 Style. Auch wenn der Ansatz die Informationsflut im Kombiinstrument zu reduzieren löblich ist: so ist es auch nix. Es werden nur noch Infos aus drei Themenbereichen angezeigt, was man auch nicht anpassen kann. Es gibt Daten zu den Assistenzsystemen, zur Geschwindigkeit/Fahrmodus, und zum Navi. Es ist aber z.B. nicht möglich die Navi-Karte einzublenden, so das man weiter alle Infos zur Navigation hat während der Beifahrer das Infotainmentsystem anderweitig bedient. Auch Infos zu den aktuellen Verbrauchswerten sind nicht einsehbar. Wechsel des Radiosenders? Auch dort im wahrsten Sinne des Wortes Funkstille, weder auf dem Kombinstrument noch im Hauptbildschirm gibt es eine Info zum neuen Sender, es sei denn man hat dort gerade die Radio-Seite eingeblendet. Das HUD, was ich zumindest im aktuellen Zustand auch eher für Geldverschwendung halte, ist auch keine Hilfe. Auch wenn es technisch erstmal gut gemacht ist und man nicht auf eine kleine Plastikscheibe schaut wie bei Hyundai, man bekommt dort quasi 1:1 die gleichen Infos wie im Kombiinstrument. Dafür ist der Sichtwinkel nicht sonderlich groß, sobald man sich etwas zur Seite neigt verblasst bzw. verschwindet die HUD Anzeige. Und wenn wir gerade im Bereich Infotainment sind: hier wurde der Rotstift massiv angesetzt. Hintere Lautsprecher gibts nur in den höheren Ausstattungsvarianten, und selbst dann gibt es dort keine getrennten Hochtöner mehr wie früher. Den Sound empfand ich auch als deutlich schlechter als das Standard-Soundsystem vom e-Golf, wobei ich allerdings nicht wirklich gut testen konnte: Carplay ist noch nicht verfügbar, und der SD-Kartenslot wurde ersatzlos gestrichen. Da ich keinen USB-Stick mit Musik dabei hatte (und auch keinen USB-A nach USB-C Adapter) war ich also auf das Radio angewiesen. Ein besseres Soundsystem scheint es auch aktuell nicht zu geben.

Der Gangwahlschalter ist aus der Rubrik „musste das sein“: Haptik genau so unangenehm wie die Tastenfelder im Multifunktionslenkrad, und wo man früher aus dem Handgelenk die Rekuperationsstufen (die übrigens leider entfallen sind, es gibt nur noch D und B) wechseln oder den Rückwärtsgang wechseln konnte muss man jetzt umständlich hinters Lenkrad fassen. Gerade beim Rangieren fand ich das störend. Kleine Anmerkung noch: auch der Spurhalteassistenz ist jetzt bei jedem Fahrzeugstart IMMER aktiv, und muss manuell deaktiviert werden.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die Mittelarmlehnen im Flugzeugsitz-Stil. Es gibt nicht mehr eine breite Mittelarmlehne, sondern zwei sehr schmale. Das Feature für Beifahrer und Fahrer unterschiedliche Höhen der Mittelarmlehne einzustellen haben wir nie vermisst, dafür sind mir die neuen Armlehnen viel zu schmal und auch der Spalt dazwischen zu breit. Auch die Sitze sind ein Kritikpunkt – sehr wenig Seitenhalt, und die Farben und Materialen sind nicht wirklich schick, ich hatte gedacht das wir dieses Hellgrau mit dem 190er e-Golf hinter uns gelassen hätten.

Die Software noch sehr kaputt. Mal funktioniert die Bedienung sehr flüssig, mal wartet man mehrere Sekunden bis sich irgendwas tut. Tip an dieser Stelle: Wenn das System hakt versucht nicht wild andere Buttons zu drücken – wenn das System reagiert scheint es alle aufgelaufenen Tastendrücke dann doch noch abzuarbeiten, was zu Chaos führt. Etliche sehr relevante Funktionen fehlen auch noch komplett, wie z.B. alles was mit Ladesäulen zu tun hat. Das Bedienkonzept ist in meinen Augen ein Rückschritt, Funktionen für die es früher dedizierte Taster gab sind heute entweder als unbeschriftete Mehrfachbelegung auf Touchfeldern (ein Beispiel ist die Sitzheizung) oder man muss sich erstmal durch ein oder zwei Untermenüs hangeln. Und im Gegensatz zu den Tastenfeldern im Lenkrad gibts bei denen am Infotainment-Display auch keine haptische Rückmeldung. Das Carplay bzw. Google Auto fehlen finde ich auch eher unverständlich, das sollte doch in 2020 ein gelöstes Problem sein.

Und dann kommen wir zur Preisgestaltung. Der Wagen fängt zwar etwa 35.500 EUR für die Akkugröße (58kWh netto) recht günstig an, aber sobald man ein paar Sonderwünsche hat wirds sehr teuer. Der Grund ist die Paketstrategie: wo man früher noch einzelne Optionen auswählen konnte, auch wenn sie teilweise unverständliche Abhängigkeiten hatten, ist man jetzt auf 7 feste Varianten limitiert. Wenn man auch nur eine Klimaanlage mit 2 Zonen oder einen Doppelboden im Kofferraum haben möchte landet man direkt bei den teuersten Varianten und bei 6.000 oder gar bis zu 10.000 EUR Aufpreis. Dazu gibt es keine Rabatte, was ich persönlich gar nicht so negativ sehe, so entfällt die Feilscherei und das Gerenne zum Preisvergleich.

Alles in allem bin ich, gerade wegen dem Innenraum bzw. dem Bedienkonzept und der Preisstrategie von Volkswagen gerade sehr froh den Wagen nicht blind gekauft zu haben. Mit der Haptik im Innenraum (insbesondere die Bedienelemente am Lenkrad) und der Besucherritze zwischen den Armlehnen wäre ich nicht glücklich geworden, von dem Zustand der Software im Fahrzeug ganz zu schweigen. Auch das man die besseren Sportsitze nur in den höchstpreisigen Modellen (aufpreispflichtig) bekommt, genau so wie die abgespeckte Lautsprecherkonfiguration und eine nicht mehr serienmäßige Zwei-Zonen Klimaanlage – das führt mich jetzt nicht zum „Kaufen“ Button. Den ID.3 kann ich mir maximal als Übergangsfahrzeug im Leasing vorstellen. Für Neueinsteiger sicher ein nettes Fahrzeug, wenn man mit den Preisen und dem Innenraum klar kommt, aber die Vorteile vom e-Golf kommend sind irgendwie nur noch der größere Akku (ein Plus von etwa 130km oder 50%) und die deutlichst (!) bessere Ladeleistung als beim Golf übrig. Und dann stellt man sich schon die Frage: wie oft brauchen wir das im Jahr, jetzt wo sich mein Arbeitsweg mehr als halbiert hat?

Für den Alltag reichen uns die Reichweiten vom e-Golf auf lange Sicht aus, auch wenn der Akku mal nachlassen sollte. Das nächste Jahr wird also dann durchaus spannend, da unser grauer Wagen im September aus dem Leasing läuft. Hätten wir ihn damals gekauft würde ich den einfach weiter fahren, so muss ich weiter überlegen was der Ersatz werden könnte.

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