Golem.de testet den e-Golf

und ich krieg Puls!

Eigentlich sollte der nächste Beitrag hier im Blog ein Fazit nach den ersten 4.000km werden, aber das muss dann erstmal warten. Fehlen auch noch ein paar Meter, aber nicht viele.

Ich wurde gerade auf den Test des e-Golfs auf golem.de hingewiesen. Nach der ersten Seite war klar: da muss ich was zu sagen, sonst platzt mir der Hals.

Aber gut. Die Journalisten hatten den Wagen offenbar für 2 Wochen, und ihre Vorkenntnisse stammen aus einer Tesla-Probefahrt. Die erste Erleuchtung: Ein Golf ist ein Golf ist ein Golf. Daraus sollte man echt ein Trinkspiel machen.

„Der große Unterschied ist der Preis: Der E-Golf kostet in der Grundaustattung knapp 36.000 Euro und ist damit etwa doppelt so teuer der kleinste Golf mit Verbrennungsmotor.“

Ja, und einen Golf R kann man fast nochmal doppelt so teuer hinkriegen wie den e-Golf. Da muss man schon Ausstattungsbereinigt ran gehen, und dann sieht das schon ganz anders aus. Aber Details, kommen wir zu den dramatischen Enthüllungen.

Aber der E-Golf fährt sich schön – wie alle Elektroautos, welche die Autoren bisher testeten. Vorausgesetzt der Fahrer bekommt den Wagen dazu, sich zu bewegen. Wer das Fahren mit Schaltwagen gewöhnt ist, kann dabei Mühe haben.

Der Wagen fährt sich genau so wie jeder Volkswagen mit Automatikgetriebe. Es ist schon erschreckend wie viele VWs ständig am Straßenrand stehen, mit verzweifelten Fahrern die den Wagen nicht zum Fahren kriegen. Nein, mal im Ernst. Der Wagen ist genau so zu bedienen wie andere VWs, und das war auch das Ziel von VW. Einfach „wie immer“ fahren. Vielleicht sollte man sagen: Wer mit Autos nicht umgehen kann sollte sie nicht testen.

Hier zeigt sich, dass der E-Golf eben kein eigens konstruiertes Elektroauto auf einer neuen Plattform ist, sondern nur ein umgebauter Verbrenner. Die 345 kg schweren Lithium-Ionen-Akkus sitzen zwischen den Achsen.

Und wo genau sitzen die beim Tesla? Oder i3? Einzig die Bauform ist anders: kein schöner rechteckiger Block, sondern unter der Rückbank, dem Mitteltunnel und den Vordersitzen, überall wo Platz war ohne die Karosserie großartig umbauen zu müssen.

Trotz Antischlupfregelung bringt der E-Golf die 100 Kilowatt (136 PS) mit dem Frontantrieb nicht so problemlos auf die Straße wie Teslas Model S seine vier bis fünf Mal so große Leistung.

Auch ein vom Drehmoment vergleichbar starker Verbrenner kriegt mit dem Vorderradantrieb seine Probleme, das ist also kein Argument pro/kontra Elektroauto, sondern wenn überhaupt pro/kontra Allrad oder Front vs. Heckantrieb. Viel Spaß dann im Winter mit dem Hecktriebler, Ballast für den Kofferraum um Gewicht auf die Antriebsachse zu kriegen gibts im Baumarkt.

Man kann es nicht anders sagen: 35 Kilowattstunden Batteriekapazität sind für ein Elektroauto einfach sehr wenig. Das ist nur ein Drittel der Energie, die einem Tesla Model S maximal zur Verfügung steht, und entspricht einem Benzinäquivalent von 4,2 Litern. Auch wenn der E-Golf deutlich schwächer motorisiert ist als das Model S braucht er im Grunde nicht viel weniger Strom.

Nein, nur ungefähr die Hälfte bis maximal zwei Drittel des Stromverbrauchs von einem Tesla, gerade im Vergleich mit dem von den Autoren gewünschten Dual Drive Antrieb beim Tesla. Das Benzinäquivalent interessiert auch nicht, höchstens als Beweis für die Energieeffizienz von Elektroautos: mit dem e-Golf komme ich 200-250km im Alltag, wie weit komm ich mit einem vergleichbaren Golf mit 4.2l Benzin?

Das Problem ist zudem die Leistung, mit der geladen wird: An einer konventionellen Haushaltssteckdose dauert das Laden sehr lange. Für die 60 Prozent in Kyritz veranschlagt das Auto über elf Stunden.

Ja, und wie lange dauert dann das Laden eines 60 oder 100kWh Akkus an einer Schuko-Steckdose? Das entsprechende Ladegerät hat nicht umsonst den Namen „Notladekabel“, sowas benutzt man nur wenn es entweder gar nicht anders geht, oder man so wenig mit dem Wagen fährt das man locker damit nachladen kann.

Für einen spontanen Ausflug ins Grüne oder gar eine lange Reise eignet sich der E-Golf folglich nicht. Aber auch im Stadtverkehr ist die recht geringe Speicherkapazität unpraktisch. Wer weder zu Hause noch am Arbeitsplatz den E-Golf aufladen kann, wird früher oder später genervt sein.

Ja, absolut unbrauchbar so ein e-Golf. Mehr als 3.700km haben wir in den knapp 6 Wochen bisher nicht geschafft. Mal im Ernst: die Überführung des Wagens von Dresden war unsere erste Langstrecke mit einem e-Auto, und war problemlos. Der Urlaub an der Ostsee: stressfrei. Das Problem waren da eher die ganzen Verbrenner die auf der Rückreise die A7 verstopft haben, aber das ist ein anderes Thema. Nur dem letzten Punkt würde ich teilweise zustimmen: eine Wallbox daheim sollte man haben, auch wenn es nur zur Beruhigung ist. Wir haben vielleicht 15% der Energie über die eigene Wallbox bezogen, der Rest wurde extern geladen. Auf eine Wallbox verzichten würde ich trotzdem nicht.

Zudem gibt es gegen einen Aufpreis von 490 Euro eine Telefonschnittstelle Business, die das eigene Handy über Bluetooth integriert. Damit lässt sich über das Multifunktionslenkrad und das Infotainmentsystem telefonieren oder gespeicherte Musik hören. Das Smartphone ist dann an die Außenantenne des Autos angeschlossen – wobei es uns nicht gelang, einen Bluetooth-fähigen MP3-Player mit dem Infotainmentsystem zu verbinden. Beim Zusatzpaket Komfort Telefonie ist ein kabelloses Aufladen des Smartphones möglich.

Telefonieren und Audio-Streaming via Bluetooth kann jeder e-Golf, sogar jeder Golf mit Radio/Navi. Die aufpreispflichtigen Varianten bieten als Mehrwert nur die Nutzung der SIM Karte im Handy (rSAP) bzw. einer SIM Karte im Navi (Business) bzw. eine induktive Kopplung an die Aussenantenne und drahtloses Laden (Comfort). Man muss sich für das eine oder das andere entscheiden, beides zusammen geht nicht, und meiner Meinung nach sind beide Varianten rausgeschmissenes Geld.

Über die Onlineverbindung lassen sich zudem aktuelle Verkehrswarnungen einblenden. Diese sind allerdings nicht immer zuverlässig.

Einzelfall, nach unserer Erfahrung sind die Online-Verkehrsinfos sehr genau und aktuell, haben uns schon vor mehreren Staus und Sperrungen bewahrt.

Wenn ich an die ganzen Zoe-, Ioniq, Leaf, e-Golf 190/300 Fahrer denke, die armen Menschen, wie kommen die mit ihren Fahrzeugen nur von A nach B? Die Reichweite! Die Ladepausen!

Nein, mal ganz im Ernst. Natürlich sind Elektroautos heute noch nicht für alles und jeden die richtige Lösung. In Gesprächen mit Freunden und Kollegen kommt oft der Rat: „warte noch, aktuell ist so ein Fahrzeug noch nichts für dich“. Die Gründe dafür sind vielfältig – wenn beispielsweise die tägliche Fahrtstrecke über der Reichweite liegt, oder man nicht daheim laden kann wird die Luft schon dünn.

In vielen Fällen ist das größte Hindernis aber im Kopf des Kandidaten. Ein Elektroauto zu fahren bedeutet sich auf eine neue Denkweise einzulassen. Auf der Langstrecke alle 200km eine Pause machen müssen kann man als nervig empfinden, oder auch als Chance um entspannter zu reisen. Im Alltag sind Ladezeiten auch selten bis nie lästig: Elektroautos laden auch ohne das man daneben steht. Laden ist das neue Parken. Wenn ich daheim laden kann habe ich kein Auto mit „nur“ 250km Reichweite, sondern wenn ich will jedem Morgen garantiert immer 250km Reichweite.

Für uns funktioniert der e-Golf bisher super, und sobald möglich wird auch der zweite Wagen durch ein Elektroauto ersetzt. Mehr dazu gibt es dann in ein paar Tagen wenn wir die 4.000km geknackt haben und ich ein ausführliches Fazit schreibe.

2 Gedanken zu „Golem.de testet den e-Golf

  1. Martin Werner Antworten

    Sehr guter Kommentar zu einem Artikel von Menschen, die entweder nicht wollen oder nicht dürfen…

  2. Stefan Antworten

    Auf die e-Mobilität muss man sich meiner Meinung nach entspannt einlassen. Nach dem man die grundsätzliche Machbarkeit gecheckt hat (wo laden, tägliche Routinekilometer…)
    Ich fahre seit 2012 einen Opel Ampera (e-pioneer). Für mich damals das E-Auto mit „Gürtel und Hosenträger“. Rein elektrisch fahren bis der Akku leer ist, dann geht es mit Benzin weiter. Mit dem Ampera fahre ich >90 % meiner Fahrten rein elektrisch. Geladen wird er an der Steckdose zu Hause und in der Firma.

    Heute, 6 Jahre später, werde ich wohl einen e-Golf kaufen. Das wird ein entspanntes E-Auto fahren. Die wenigen Langstrecken pro Jahr sind mittlerweile recht gut planbar. Die Ladeinfrastruktur wird laufend besser. Alleine die Kartenvielfalt kann nerven. 😉

    Ich bin davon überzeugt, das das E-Auto auch jenseits des Tesla für sehr viele Menschen locker ausreicht. Es würde den Innenstädten sehr viel helfen, wenn möglichst viele E-Autos fahren würden.

    Für mich persönlich ist der wichtigste Punkt der E-Mobilität nicht die Reichweite, sondern das Angebot von Schnell-Ladesäulen. Ich brauche keine 600 km Reichweite, die ich einmal im Jahr abrufe. Das sieht ein Aussendienstler natürlich anders. Aber für den gibt es den Tesla.

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